Persönliche Entwicklung
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Growth Mindset: Bedeutung, Beispiele und fünf Schritte

Ein Growth Mindset ist kein positives Denken. Was Carol Dweck meint, was die Forschung zeigt, zehn Beispielsätze und fünf Schritte mit Beispiel.

Eine junge Frau beginnt an der Töpferscheibe eine neue Schale, neben ihr der missglückte erste Versuch und eine lächelnde Kursleiterin.
Inhalt
  1. 01Growth Mindset: Bedeutung und Herkunft bei Carol Dweck
  2. 02Fixed und Growth Mindset: die zwei Arten im Vergleich
  3. 03Was die Forschung zeigt und wo sie streitet
  4. 04Sätze im Sinne des Growth Mindset: zehn Umformulierungen
  5. 05Ein besseres Mindset bekommen: fünf Schritte
  6. 06Das Beispiel: Daniels zwölf Monate bis zum Meeting auf Englisch
  7. 07Growth Mindset bei Kindern: Lob, das Lernen fördert
  8. 08Growth Mindset in der Zielkette: Jahr, Quartal, Monat, Woche, Tag
  9. 09Häufige Fragen zum Growth Mindset

Ein Growth Mindset ist kein positives Denken, sondern die Überzeugung, dass sich Fähigkeiten wie Intelligenz, Sprachgefühl oder Sportlichkeit durch Übung, gute Strategien und die Hilfe anderer entwickeln lassen. Den Begriff hat die Stanford-Psychologin Carol Dweck geprägt. Sein Gegenstück ist das Fixed Mindset, die Überzeugung, dass Begabung festgelegt ist und Leistung sie nur noch zeigt. Welches der beiden Selbstbilder gerade spricht, entscheidet, ob ein Misserfolg wie ein Urteil klingt oder wie eine Information.

Drei Dinge brauchst du, um damit zu arbeiten: die Bedeutung, wie Dweck sie gemeint hat, einen ehrlichen Blick auf die Forschung, die heute deutlich vorsichtiger ist als viele Ratgeber, und einen Weg, dein Denken in einem konkreten Bereich zu verändern. Durchgerechnet wird das an Daniel, 42, Projektleiter bei einem Logistikunternehmen in Duisburg. Seit einer misslungenen Präsentation vor einem niederländischen Partner hält er sich für „nicht sprachbegabt“. In zwölf Monaten soll er die wöchentliche Abstimmung mit dem Hafen in Rotterdam auf Englisch leiten.

Growth Mindset: Bedeutung und Herkunft bei Carol Dweck

Carol Dweck forscht seit den 1970er-Jahren dazu, warum manche Kinder nach einem Fehler aufgeben und andere weitermachen. 1978 beschrieb sie mit Carol Diener zwei Muster bei Schulkindern, die an zu schweren Aufgaben scheiterten. Die einen wurden hilflos, suchten die Schuld bei sich und ließen nach. Die anderen probierten neue Lösungswege, als hätten sie den Fehler gar nicht als Niederlage bemerkt. Die Leistung war in beiden Gruppen vorher gleich. Der Unterschied lag in dem, was die Kinder über ihre Begabung dachten.

1988 fasste Dweck das mit Ellen Leggett in der Fachzeitschrift Psychological Review zu einer Theorie zusammen. Wer glaubt, dass Intelligenz eine feste Größe ist, der verfolgt vor allem Leistungsziele: gut dastehen, nicht dumm wirken. Wer glaubt, dass sie wächst, der verfolgt Lernziele: besser werden, auch wenn es zwischendurch schlecht aussieht. Die Fachbegriffe hießen damals Entity-Theorie und inkrementelle Theorie. Erst ihr Buch Mindset aus dem Jahr 2006, auf Deutsch unter dem Titel Selbstbild erschienen, machte daraus Fixed und Growth Mindset.

Zwei Punkte gehen in vielen Zusammenfassungen verloren. Erstens: Ein Growth Mindset heißt nicht, dass jeder alles werden kann. Dweck schreibt ausdrücklich, dass Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen starten. Die Überzeugung betrifft nur die Richtung: Von dort, wo du stehst, kannst du besser werden. Zweitens: Niemand hat nur das eine oder das andere. Dweck betont seit 2015, dass jeder Mensch eine Mischung aus beiden trägt und dass bestimmte Situationen das Fixed Mindset auslösen, etwa Kritik, ein überlegener Kollege oder eine knappe Frist. Das bedeutet: Die Frage ist nicht, welches Mindset du hast. Die Frage ist, wann welches spricht.

Das Gehirn als Muskel: was an dem Bild stimmt

Viele Growth-Mindset-Programme erklären Kindern, das Gehirn wachse wie ein Muskel. Ganz falsch ist das Bild nicht. Bogdan Draganski und Kollegen zeigten 2004 in der Fachzeitschrift Nature, dass Erwachsene nach drei Monaten Jonglieren in bestimmten Hirnarealen mehr graue Substanz hatten. Nach einer Pause ohne Übung nahm sie wieder ab. Das Bild ist vereinfacht, die Richtung stimmt. Das bedeutet: Übung verändert das Gehirn, aber nur, solange geübt wird.

Fixed und Growth Mindset: die zwei Arten im Vergleich

Die Frage, welche zwei Arten von Mindset es gibt, beantwortet Dweck mit genau diesen beiden. Sie unterscheiden sich nicht im Können, sondern in der Deutung alltäglicher Situationen. Die Tabelle zeigt, wie dieselbe Lage in beiden Selbstbildern klingt.

SituationFixed Mindset denktGrowth Mindset denkt
HerausforderungWenn ich scheitere, sieht jeder, dass ich es nicht kann.Hier lerne ich am meisten, gerade weil es schwer ist.
FehlerDer Fehler beweist meine Grenze.Der Fehler zeigt, welche Strategie nicht trägt.
AnstrengungWer sich anstrengen muss, ist nicht begabt.Anstrengung mit guter Strategie ist der Weg, auf dem Können entsteht.
KritikKritik ist ein Angriff auf mich.Kritik ist eine Information über meine Arbeit.
Erfolg andererIhr Erfolg macht mich kleiner.Ihr Weg zeigt mir, was möglich ist.
Fixed und Growth Mindset in fünf Situationen, nach Dweck, 2006
Vergleich von Fixed und Growth Mindset in fünf Situationen: Herausforderung, Fehler, Anstrengung, Kritik und Erfolg anderer, jeweils mit dem typischen Gedanken beider Selbstbilder

Bei Daniel war das Muster lehrbuchhaft. Die Präsentation vor zwei Jahren hatte er auswendig gelernt. Als der Partner eine Rückfrage stellte, fiel ihm das Wort für Lieferverzug nicht ein. Er wechselte ins Deutsche und ließ eine Kollegin übersetzen. Seitdem schickt er zu jedem englischen Termin jemanden vor. Wer einen einzigen Moment als Beweis für eine Eigenschaft liest, der hört auf, Daten zu sammeln. Daniel hatte seit zwei Jahren keinen Satz Englisch mehr gesprochen, der nicht schriftlich vorbereitet war.

Wichtig ist die Abgrenzung zu einem verwandten Begriff. Ein Growth Mindset ist die allgemeine Überzeugung, dass Fähigkeiten wachsen können. Selbstwirksamkeit ist die konkrete Erwartung, eine bestimmte Aufgabe jetzt zu schaffen. Daniel kann durchaus glauben, dass Menschen mit 42 noch Englisch lernen, und sich trotzdem das nächste Meeting nicht zutrauen. Wie diese zweite Erwartung entsteht und wächst, zeigt der Artikel über Selbstwirksamkeit. Kurz gesagt: Das Mindset öffnet die Tür, die Selbstwirksamkeit entscheidet, ob du hindurchgehst.

Was die Forschung zeigt und wo sie streitet

Das Growth Mindset gehört zu den bekanntesten Ideen der Psychologie der letzten 20 Jahre. Schulen in vielen Ländern haben es in den Unterricht übernommen, Unternehmen in ihre Führungsleitbilder. Die Forschung dahinter ist echt. Sie ist nur kleiner, als der Ruf vermuten lässt.

Am Anfang stehen eindrucksvolle Studien. Claudia Mueller und Carol Dweck lobten 1998 Fünftklässler nach einer Aufgabe entweder für ihre Intelligenz oder für ihre Anstrengung. Nach einer anschließend zu schweren Aufgabenreihe hatten die für Intelligenz gelobten Kinder weniger Freude, gaben schneller auf und schnitten in einer dritten Runde schlechter ab. Lisa Blackwell, Kali Trzesniewski und Dweck begleiteten 2007 rund 370 Siebtklässler über zwei Jahre. Wer an wachsende Intelligenz glaubte, dessen Mathenoten stiegen, während die der anderen stagnierten. In einer zweiten Studie bremste ein Training aus acht Sitzungen den üblichen Notenabfall.

Danach wurde die Idee im großen Maßstab geprüft, und die Effekte schrumpften. David Yeager und ein großes Forschungsteam testeten 2019 in Nature ein Online-Training von weniger als einer Stunde an mehr als 12.000 Neuntklässlern in den USA. Die Noten leistungsschwächerer Schüler stiegen, im Mittel um rund 0,1 Punkte auf der vierstufigen US-Notenskala. Das ist messbar und für eine Stunde Aufwand beachtlich. Eine Verwandlung ist es nicht. Eine Metaanalyse von Victoria Sisk, Brooke Macnamara und Kollegen fand 2018 über mehr als 200 Studien nur einen schwachen Zusammenhang zwischen Mindset und Schulleistung und für Trainings einen sehr kleinen Durchschnittseffekt.

2023 erschienen in derselben Fachzeitschrift, dem Psychological Bulletin, zwei Metaanalysen mit unterschiedlichem Ton. Brooke Macnamara und Alexander Burgoyne kamen zu dem Schluss, dass sich in methodisch sauberen Studien kaum ein Effekt auf Schulleistungen zeigt. Jeni Burnette und Kollegen fanden dagegen Wirkungen für bestimmte Gruppen, vor allem bei Lernenden mit schwierigen Ausgangsbedingungen und bei sorgfältig umgesetzten Programmen. In einem Punkt liegen beide Teams nah beieinander: Ein kurzer Vortrag über das wachsende Gehirn ändert wenig, wenn der Alltag danach derselbe bleibt.

Was folgt daraus für dich? Wer ein Growth Mindset als reine Haltung trainiert, der sollte keine Wunder erwarten. Wer es mit einem konkreten Ziel, einer besseren Lernstrategie und regelmäßiger Rückmeldung verbindet, der nutzt genau den Teil, für den die Belege am stärksten sind. Das bedeutet: Das Mindset ist kein Motor. Es ist die Bereitschaft, den Motor überhaupt anzulassen.

Eine Grenze gehört dazu. Ein Growth Mindset ersetzt keine Behandlung, wenn Antriebslosigkeit, Angst oder Selbstzweifel über Wochen anhalten, und es ist auch kein Vorwurf an Menschen, denen gerade die Kraft fehlt. Wer in einer Krise steckt, der erreicht die Telefonseelsorge rund um die Uhr kostenfrei unter 0800 111 0 111.

Sätze im Sinne des Growth Mindset: zehn Umformulierungen

Der bekannteste Satz im Sinne des Growth Mindset stammt von Dweck selbst und besteht im Kern aus zwei Wörtern: noch nicht. In ihrem TED-Vortrag von 2014 erzählt sie von einer Schule in Chicago, die für nicht bestandene Kurse statt einer schlechten Note ein „Noch nicht“ vergab. Wer „Ich kann das nicht“ in „Ich kann das noch nicht“ verwandelt, der beschreibt keine Eigenschaft mehr, sondern einen Zwischenstand.

Sätze allein ändern kein Denken. Sie sind trotzdem nützlich, weil sie eine Gewohnheit sichtbar machen. Die folgenden Paare stammen aus Daniels Notizen der ersten vier Wochen. Links steht, was er tatsächlich dachte, rechts, was er sich danach aufschrieb.

Fixed-Mindset-SatzGrowth-Mindset-Satz
Ich bin nicht sprachbegabt.Ich habe zwei Jahre lang nicht geübt.
Ich kann kein freies Englisch.Ich kann noch kein freies Englisch.
Das ist peinlich.Das ist ungewohnt, und ungewohnt geht vorbei.
Die anderen können das einfach.Die anderen haben mehr Stunden gesammelt.
Ich habe schon wieder einen Fehler gemacht.Welches Wort fehlte mir, und wo lerne ich es?
Das wird nie flüssig.Was ist der nächste kleine Schritt Richtung flüssig?
Ich gebe auf.Ich ändere die Strategie.
Das ist zu schwer für mich.Das braucht mehr Zeit und einen anderen Weg.
Ich bin eben so.So war ich bisher.
Die Kritik war unfair.Was an der Kritik kann ich nächste Woche nutzen?
Zehn Umformulierungen aus Daniels Notizbuch

Auffällig ist, dass die rechte Spalte nicht positiver klingt als die linke. Sie klingt genauer. „Ich gebe auf“ wird nicht zu „Ich schaffe alles“, sondern zu einer Handlung, die sich am nächsten Tag ausführen lässt. Wer sich Sätze aufschreibt, die er selbst nicht glaubt, der übt nur das Weghören. Ein guter Growth-Mindset-Satz ist deshalb immer auch ein überprüfbarer Satz: Er nennt eine Strategie, eine Zeitspanne oder eine Frage.

Ein besseres Mindset bekommen: fünf Schritte

Wie bekommst du ein besseres Mindset? Nicht durch Lesen, sondern durch eine Reihe kleiner Versuche in einem Bereich, in dem dein Fixed Mindset besonders laut ist. Die fünf Schritte verbinden Dwecks Empfehlungen mit zwei gut untersuchten Planungstechniken. Nötig sind ein Notizbuch oder eine App, 15 Minuten für den Start und ein Bereich, den du seit Längerem meidest.

  1. Die Auslöser finden

    Dweck empfiehlt in der überarbeiteten Ausgabe ihres Buchs von 2016, die Situationen zu beobachten, in denen das Fixed Mindset anspringt. Schreibe eine Woche lang jedes Mal auf, wann du einen Satz wie „Das kann ich nicht“ denkst und in welcher Lage. Daniel kam auf sieben Einträge. Sechs betrafen Englisch, der siebte das Tabellenprogramm seiner Firma.

  2. Der Stimme einen Namen geben

    Ebenfalls von Dweck stammt der Rat, der eigenen Fixed-Mindset-Stimme einen Namen zu geben. Das klingt albern und hat einen Zweck: Wer einen Gedanken benennt, der kann ihn beobachten, statt ihm zu folgen. Daniel nannte seine Stimme Herr Müller, nach dem Englischlehrer, der ihm in der achten Klasse eine Fünf gegeben hatte.

  3. Ein Lernziel statt eines Leistungsziels setzen

    Formuliere für den Bereich ein Ziel, das Übung belohnt, nicht Glanz. Nicht „im Meeting überzeugen“, sondern „jede Woche zwei Gespräche à 30 Minuten auf Englisch führen und danach drei Wörter notieren, die mir gefehlt haben“. Elaine Elliott und Carol Dweck zeigten 1988, dass Kinder mit Lernzielen nach Misserfolgen weniger einbrachen als Kinder mit Leistungszielen.

  4. Das Hindernis vorher benennen

    Die Psychologin Gabriele Oettingen hat gezeigt, dass bloßes Ausmalen des Erfolgs die Anstrengung eher schwächt. Ihre Methode WOOP verbindet Wunsch, Ergebnis, Hindernis und Plan. Schreibe das wahrscheinlichste innere Hindernis auf und einen Wenn-dann-Plan dazu, eine Technik, die Peter Gollwitzer 1999 beschrieben hat. Daniels Plan lautete: „Wenn mir ein Wort fehlt, dann umschreibe ich es mit einfachen Wörtern, statt ins Deutsche zu wechseln.“

  5. Die Strategie wechseln, nicht nur die Anstrengung erhöhen

    Prüfe nach vier Wochen, ob deine Zahlen steigen. Wenn nicht, ändere die Methode, bevor du mehr Stunden investierst. Mehr Anstrengung ohne Lernfortschritt nennt Dweck ein falsches Growth Mindset. Daniel tauschte nach dem ersten Monat die Vokabel-App gegen zwei Gespräche pro Woche mit einer Online-Tutorin, weil er die Wörter zwar kannte, sie im Gespräch aber nicht abrufen konnte.

Die Reihenfolge ist kein Zufall. Wer zuerst die Auslöser kennt, der erkennt das Fixed Mindset, bevor es entscheidet. Wer ein Lernziel hat, der kann einen schlechten Tag verkraften, ohne das Ziel zu verlieren. Und wer nach vier Wochen die Strategie prüft, der verwechselt Fleiß nicht mit Fortschritt.

Der häufigste Fehler: Anstrengung loben statt Lernen

Wer das Growth Mindset verstanden zu haben glaubt, der lobt sich und andere fürs Dranbleiben. Dweck hat 2015 in einem Beitrag für die Zeitschrift Education Week ausdrücklich davor gewarnt. Anstrengung, die nichts verändert, ist kein Wachstum, sondern Beschäftigung. Wer einem Kind nach einer verpatzten Arbeit sagt „Du hast dich doch angestrengt“, der tröstet, hilft aber nicht weiter. Das bedeutet: Lob gehört dem Weg, der zum Fortschritt geführt hat, also Strategie, Übung und der Mut, Hilfe zu holen.

Das Beispiel: Daniels zwölf Monate bis zum Meeting auf Englisch

Daniel startete im Januar. Sein Jahresziel: ab Dezember die wöchentliche Abstimmung mit Rotterdam selbst auf Englisch leiten, 45 Minuten, ohne Übersetzung. Sein Zeitbudget: 20 Minuten am Morgen in der Bahn, zwei Tutorengespräche à 30 Minuten pro Woche und ab dem dritten Quartal ein englischsprachiges Meeting pro Monat, in dem er mindestens einen Tagesordnungspunkt übernimmt. Er führte drei Zahlen und trug sie alle vier Wochen ein.

ZeitpunktGesprächsminuten je WocheFreie Redezeit am StückSelbsteinschätzung von 0 bis 10
Woche 1202 Minuten2
Woche 8604 Minuten3
Woche 16, Rückschlag in der Videokonferenz604 Minuten2
Woche 26758 Minuten5
Woche 38, erster eigener Tagesordnungspunkt9012 Minuten6
Woche 50, erstes Meeting geleitet9025 Minuten8
Auszug aus Daniels Protokoll über zwölf Monate

Die wichtigste Zeile ist Woche 16. Daniel sollte in einer Videokonferenz eine kurze Frage zum Zeitplan beantworten, verstand den Akzent seines Gegenübers nicht und bat die Kollegin um Hilfe. Die Selbsteinschätzung fiel von drei auf zwei. Herr Müller meldete sich mit dem bekannten Satz. Diesmal stand im Notizbuch eine zweite Spalte. Daniel schrieb: „Ich verstehe den niederländischen Akzent noch nicht. Ich habe ihn nie geübt.“ Ab der nächsten Woche hörte er in der Bahn einen englischsprachigen Logistik-Podcast aus den Niederlanden.

Die zweite wichtige Stelle ist der Abstand zwischen Woche 26 und Woche 38. Die Gesprächsminuten stiegen nur von 75 auf 90, die freie Redezeit aber von acht auf zwölf Minuten. Nicht die Menge machte den Unterschied, sondern der Wechsel der Strategie: weg vom allgemeinen Plaudern, hin zu Gesprächen über genau die Themen, die in den Meetings vorkamen. Kurz gesagt: Das Growth Mindset hat Daniel nicht flüssig gemacht. Es hat ihn dazu gebracht, den Fehler aus Woche 16 als Messwert zu lesen statt als Urteil.

Im Dezember leitete er das Meeting zum ersten Mal selbst. Er stockte zweimal, umschrieb einmal ein Wort und brauchte für den Punkt Lieferverzug keine Hilfe. Wer heute in Daniels Notizbuch blättert, der findet in den letzten Monaten keinen Satz über Begabung mehr. Er findet Strategien, Uhrzeiten und Wörter.

Growth Mindset bei Kindern: Lob, das Lernen fördert

Viele suchen nach dem Growth Mindset, weil sie es ihren Kindern mitgeben wollen. Die Studie von Mueller und Dweck zeigt, wo der Hebel liegt: in der Art, wie Erwachsene loben. Ein Lob für Klugheit klingt freundlich und lehrt doch, dass Leistung eine Eigenschaft beweist. Wer dann auf eine schwere Aufgabe trifft, der riskiert diesen Beweis lieber nicht.

Daniels Tochter Lina, zehn Jahre alt, sagte im Frühjahr: „Ich bin halt schlecht in Mathe.“ Daniel hörte zum ersten Mal seinen eigenen Satz aus einem anderen Mund. Er probierte drei Formulierungen aus, die ihm aus seinen Notizen vertraut waren:

  • Prozess statt Person. Nicht „Du bist so schlau“, sondern „Du hast die Aufgabe in zwei Teile zerlegt, das hat funktioniert.“
  • Noch nicht statt nicht. Nicht „Brüche kannst du eben nicht“, sondern „Brüche kannst du noch nicht. Welche Aufgabe war die letzte, die geklappt hat?“
  • Fehler als Information. Nicht „Halb so schlimm“, sondern „Lass uns schauen, an welcher Stelle die Rechnung falsch abgebogen ist.“

Wichtiger als jeder Satz ist das Vorbild. Kinder hören genau, wie Eltern über eigene Fehler sprechen. Kyla Haimovitz und Carol Dweck fanden 2016, dass sich das Mindset von Kindern eher an der Haltung der Eltern zu Misserfolgen ausrichtet als an deren Ansichten über Intelligenz. Wer Fehler zu Hause als lehrreich behandelt, der bringt mehr bei als mit jedem Poster im Kinderzimmer. Daniel erzählte Lina beim Abendessen von Woche 16. Sie fragte, ob er sich geschämt habe. Er sagte ja. Und dass er am nächsten Morgen trotzdem den Podcast eingeschaltet habe.

Growth Mindset in der Zielkette: Jahr, Quartal, Monat, Woche, Tag

Ein Growth Mindset ist eine Haltung, und eine Haltung braucht einen Ort, an dem sie sich zeigt. Sonst bleibt sie ein guter Vorsatz. Die Zielkette ist ein solcher Ort, weil sie Lernen in Zwischenstände zerlegt. Ein Jahresziel allein liefert ein einziges Urteil im Dezember. Eine Kette aus Quartal, Monat, Woche und Tag liefert Dutzende Messpunkte, an denen sich zeigt, ob eine Strategie trägt.

Growth Mindset in der Zielkette als Leiter von Jahr über Quartal, Monat und Woche bis zum Tag, jeweils mit Daniels Lernziel auf dieser Ebene

So übersetzt sich die Methode in die fünf Ebenen:

  • Jahr. Ein Ziel in dem Bereich, in dem dein Fixed Mindset am lautesten ist. Bei Daniel: ab Dezember das Rotterdam-Meeting selbst leiten. Wie du ein solches Ziel sauber herunterbrichst, zeigt der Leitfaden Ziele erreichen.
  • Quartal. Ein Lernziel, kein Leistungsziel: im ersten Quartal 24 Tutorengespräche geführt, im dritten den ersten Tagesordnungspunkt übernommen. Am Quartalsende prüfst du, ob die Strategie noch passt.
  • Monat. Eine Schwierigkeitsstufe höher als im Vormonat. Von vorbereiteten Sätzen zu freien Antworten, von Gesprächen mit der Tutorin zu Gesprächen mit Fremden.
  • Woche. Drei Zahlen und eine Zeile: Gesprächsminuten, freie Redezeit, Selbsteinschätzung und der Satz, den Herr Müller in dieser Woche gesagt hat.
  • Tag. Eine Aufgabe, die heute machbar ist: 20 Minuten Podcast, zwei neue Wörter in einen eigenen Satz einbauen, eine Mail ohne Übersetzungsprogramm.

In Gaapp hängt jede Ebene an der nächsthöheren, und der Fortschritt eines Zeitraums ist der Anteil der erledigten Ziele. Für ein Growth Mindset ist das nützlich, weil ein Rückschlag sichtbar neben zwölf erledigten Wochen steht. Wer seine Zwischenstände vor Augen hat, der glaubt dem Fixed Mindset den einen schlechten Tag nicht mehr so leicht. Welche Fragen dabei am Freitag helfen, zeigt der Artikel über Selbstreflexion. Wie das Mindset in einen größeren Plan passt, steht im Leitfaden zur Persönlichkeitsentwicklung.

Drei Fragen zum Schluss, an deinen lautesten Bereich

  • In welchem Bereich sagst du am häufigsten „Das kann ich nicht“, und wann hast du es dort zuletzt ernsthaft versucht?
  • Ist dein Ziel in diesem Bereich ein Lernziel, das Übung belohnt, oder ein Leistungsziel, das nur das Ergebnis zählt?
  • Wann hast du zuletzt nicht die Anstrengung erhöht, sondern die Strategie gewechselt?

Wer eine der drei Fragen nicht beantworten kann, der braucht kein neues Mindset, sondern einen ersten Versuch mit Messwert. Kurz gesagt: Ein Growth Mindset ist keine Eigenschaft, die man hat. Es ist die Gewohnheit, Fehler als Zwischenstand zu lesen.

Häufige Fragen zum Growth Mindset

Was ist das Growth Mindset?

Das Growth Mindset ist die Überzeugung, dass sich Fähigkeiten durch Übung, gute Strategien und Hilfe von anderen entwickeln lassen. Der Begriff stammt von der Stanford-Psychologin Carol Dweck, die ihn 2006 in ihrem Buch Mindset bekannt machte. Gemeint ist keine Garantie auf Erfolg, sondern eine Deutung von Fehlern als Information statt als Urteil.

Welcher ist ein Satz im Sinne des Growth Mindset nach Carol Dweck?

Der bekannteste Satz ist „Ich kann das noch nicht.“ Dweck nennt das die Kraft des Noch nicht, weil das kleine Wort einen Endzustand in einen Zwischenstand verwandelt. Gute Growth-Mindset-Sätze nennen außerdem eine Strategie oder eine Frage, etwa „Welcher Weg hat bisher nicht funktioniert?“

Wie kann ich ein besseres Mindset bekommen?

Beobachte eine Woche lang, wann dein Fixed Mindset anspringt, und gib der Stimme einen Namen. Setze dir in diesem Bereich ein Lernziel, plane das wahrscheinlichste Hindernis mit einem Wenn-dann-Satz und prüfe nach vier Wochen, ob deine Strategie Fortschritt bringt. Ein Mindset ändert sich durch Erfahrungen, nicht durch Lesen allein.

Welche 2 Arten von Mindset gibt es?

Carol Dweck unterscheidet das Fixed Mindset und das Growth Mindset. Im Fixed Mindset gilt Begabung als festgelegt, im Growth Mindset als entwickelbar. Jeder Mensch trägt nach Dweck beide in sich, und je nach Situation und Bereich spricht mal das eine, mal das andere lauter.

Ist das Growth Mindset wissenschaftlich belegt?

Teilweise. Frühe Studien von Dweck zeigten deutliche Unterschiede, große Feldversuche wie der von Yeager und Kollegen 2019 fanden kleinere Effekte, vor allem für leistungsschwächere Schüler. Zwei Metaanalysen von 2023 bewerten die Wirkung von Trainings unterschiedlich, von kaum messbar bis wirksam für bestimmte Gruppen.

Was ist der Unterschied zwischen Growth Mindset und positivem Denken?

Positives Denken stellt sich ein gutes Ergebnis vor. Ein Growth Mindset sagt nichts über das Ergebnis, sondern etwas über den Weg: Fehler gehören dazu und zeigen, was du als Nächstes ändern solltest. Gabriele Oettingen hat gezeigt, dass reines Ausmalen des Erfolgs die Anstrengung sogar schwächen kann.

Zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2026

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